Formen von Essstörungen - Klinik Lüneburger Heide
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Essstörungen und essgestörtes Verhalten

 

Essgestörte Verhaltensweisen sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet und scheinen nach aktuellen Umfragen weiter zuzunehmen. Subklinische Essstörungen (gezügeltes Essen, Diät halten, überzogene Vorstellungen zur Traumfigur, Körperwahrnehmung und Funktionalität von Essen) sollen nach neuesten Untersuchungen an Schülern und Studenten in knapp 30% vorkommen, mit zum Teil erheblichem Leidensdruck.

 

Ein BMI < 18,5 wird von der Weltgesundheitsorganisation als Unterernährung definiert, Models heutzutage haben typischerweise BMI-Werte darunter. Anlagebedingt haben nur etwa 10% der Mädchen und Frauen einen BMI um 18,5, was im gesunden Fall begleitet ist von einer normalen Menstruation (ohne Einsatz der Pille), einer normalen ovariellen Funktion und normalem Essverhalten; die Mädchen und Frauen können das Essen genießen und halten ein Repertoire an Konfliktlösestrategien bereit.

 

Übergewicht oder die frühe Entwicklung besonders deutlich sichtbarer weiblicher Körperformen gelten derzeit - neben abwertenden Bemerkungen über das Aussehen und im Speziellen den Körper - als der große Risikofaktor für die Entwicklung einer vor allem bulimischen Essstörung bei Mädchen.

 

Bei Jungen geht die normale Entwicklung ab der Pubertät, die ein bis zwei Jahre später eintritt, in Richtung Muskelaufbau und entspricht so typischerweise dem, was in unserer Gesellschaft gewünscht wird. Das Problem bei Jungen und Männern ist jedoch ähnlich gelagert wie bei Mädchen und Frauen. Nicht jeder kann - auch nicht mit noch soviel Training - den idealen, muskulösen Körper mit »Sixpacks« entwickeln, da dabei die genetische Veranlagung eine entscheidende Rolle spielt. Manches ist auf gesundem Weg einfach nicht machbar.

 

Die Ursachen sind vielfältig. Beizutragen scheint der permanente Nahrungsüberfluss in unserer westlichen Gesellschaft mit einer Fülle jederzeit erreichbarer hochkalorischer und sofort verzehrbarer Nahrungsmittel, die dazu noch billiger sind als Vollwertiges inklusive Obst und Gemüse.

 

Auf der einen Seite stürmen Starköche die Bücherhitlisten und Fernsehkochshows nehmen an Beliebtheit zu, auf der anderen Seite geht persönliches Wissen um Essen und Ernährung sowie ganz allgemein Esskultur zunehmend verloren. Die Mehrheit der Erwachsenen ist immer weniger in der Lage diesbezügliche Sicherheit zu vermitteln. Sowohl auf dem Gebiet der angemessenen Ernährung als auch der Bewegung, sind Erwachsene immer weniger Vorbilder und Lehrer für ihre Kinder. Mit der Familie einzunehmende regelmäßige Mahlzeiten, während derer Relevantes vom Tag besprochen wird - vor allem relevant aus der Sicht des Kindes - lassen sich immer seltener einrichten; Mütter sind oft notwendige Mitverdiener für das Familieneinkommen und stehen für eine aufwendigere Haushaltsführung, mit im wesentlichen selbst zubereiteten Mahlzeiten, immer weniger zur Verfügung.

 

Die Übersicht über das, was wir den Tag über konsumieren, geht darüber zunehmend verloren - ebenso wie ein entscheidender Anteil an Lebensqualität. Essen genießen, auch in Gesellschaft anderer, ist eine wichtige Ressource für Lebensfreude. Mit parallel dazu fortschreitender Technisierung und Vereinfachung von Abläufen unseres täglichen Lebens - über die Rolltreppe zur Fernbedienung und zum Handy, Einkaufen oder Bankgeschäfte via Internet - erfasst uns alle ein zunehmender Bewegungsmangel mit der Folge, dass ein Großteil der Bevölkerung immer dicker und damit zu einem schlechten Vorbild wird sowie eine Verunsicherung für Kinder erzeugt, die auf der anderen Seite konfrontiert sind mit z. T. unrealistisch dünnen oder muskulösen Idealen.

 

In unserer Gesellschaft hat sich ein Schlankheits-, Körper- und Fitnessideal bei Frauen und Männern gegenläufig zur Realität entwickelt:

 

  • Überbetont schlanke und perfekte Frauenkörper in einer Gesellschaft mit Überernährung
  • muskulöse Männerkörper in einer Gesellschaft mit wenig Bewegung und mangelnder körperlicher Anstrengung

 

Zudem verbreitet sich ein Klima der Betonung von Selbstkontrolle im Umgang mit Figur und Aussehen, so als ob alles machbar wäre, wenn man sich nur genügend anstrengen würde - unter Leugnung anlagebedingter und deshalb nicht ohne weiteres beeinflussbarer Faktoren. So kämpfen viele darum, ihr Gewicht in »ideale« Bereiche, entsprechend dem untersten Normalgewicht oder Untergewichtsbereich zu reduzieren. Bestärkt werden sie darin von einem Gesellschaftsbild, das Schlanksein und Gewichtsreduktion mit Starksein, Schönsein, Attraktivsein und Erfolgreichsein gleichsetzt.

 

Essgestörtes Verhalten hat mit der Essstörung als Erkrankung einiges gemeinsam: die äußeren Symptome und die überkritische Einstellung dem eigenen Körper gegenüber - wenn auch meist in abgemilderter Form. Es liegt keine schwere seelische Störung zugrunde, jedoch gibt es fließende Übergänge.

 

Essstörungen können auf der psychologischen Ebene als ein schweres Missverständnis verstanden werden: Die Betroffenen versuchen, am Körper etwas zu verändern, was am Körper nicht geändert werden kann, da ein seelisches Problem vorliegt; die Persönlichkeitsentwicklung ist gestört. Der Lösungsversuch »Essstörung« bringt das seelische Problem in indirekter Form zum Ausdruck und macht es sichtbar. Die Essstörung bietet so den »pathologischen Halt«, der Betroffene muss sein seelisches Leiden weniger spüren. Doch es ändert nichts am seelischen Grundproblem, auch wenn der Körper sich verändert; es kommen nur noch neue Probleme dazu, nämlich die körperlichen und seelischen Folgen des Hungerns, des Erbrechens und des übertriebenen bis selbst schädigenden Sporttreibens.

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